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Bell will Großgemeinde verlassen

Mit der Bürgerversammlung in Bell zum Austritt des Ortsteils aus der Großgemeinde begann die öffentliche Diskussion dieses Themas. Bei der Bevölkerung stieß die Erörterung auf großes Interesse. Geplant ist nun eine Bürgerbefragung.

Artikel aus der Rhein Hunsrück Zeitung von Samstag 18. Februar 2006

Bürgerversammlung zum Ausstieg stieß auf reges Interesse - Ortsbeirat möchte Eigenständikeit des 470-Seelen-Dorfes

Kommunalpolitisch brisant ist der Antrag des Ortsteiles Bell aus der gleichnamigen Großgemeinde auszutreten. Das zeigte die Bürgerversammlung im Beller Gemeindehaus am Donnerstagabend.

In welche Zukunft blickt die Großgemeinde Bell ?  Wie könnte und würde es weitergehen, wenn der mit 470 Einwohnern größte Ortsteil, der der Gruppengemeinde zugleich den Namen gibt, aus dem Zusammenschluss der sechs Dörfer aussteigt ?
Mit diesen Fragen muss sich Bürgermeister Kurt Baumgarten und sein Gemeinderat gemeinsam mit den Ortsvorstehern von Wohnroth, Krastel, Hundheim, Völkenroth und Leideneck jetzt auseinander setzen. Denn der Ortsbeirat von Bell mit Ortsvorsteher Dietmar Gaß an der Spitze hat zwei Anträge von erheblicher kommunalpolitischer Bedeutung gestellt: "Zum einen möchten wir aus der Gruppengemeinde austreten, zum anderen haben wir den Antrag zur Auflösung der Gruppengemeinde gestellt", erläuterte Gaß bei der Bürgerversammlung im Beller Gemeindehaus. Am Donnerstag hatte man sich hier zu einem Meinungsaustausch getroffen.
"Die Gespräche in den letzten Wochen haben gezeigt, dass viele Strukturen nicht klar sind", erklärte Gaß in seiner Einführung. "Die Großgemeinde Bell gibt es seit dem 25. Oktober 1972 als Ergebnis der Verwaltungsreform. Sie sollte die Verwaltungskraft stärken, die Dorfstruktur und die Lebensbedingungen verbessern und das Zusammenwachsen der einzelnen Gemeinden fördern", warf er einen Blick zurück. "Aber die Realität sieht anders aus. Denn von Anfang an war dies keine Liebesheirat, sondern das geringere Übel", verdeutlichte der Ortsvorsteher mit Blick auf den Anschluss an das benachbarte Kastellaun als andere Option. Doch trotz dieser langen Zeit des zusammenseins sei keine echte Gemeinschaft entstanden, resümierte Gaß. "Im Grunde lebt jedes Dorf für sich." Eine Eigenständigkeit würde zwar auch bestimmte Nachteile mit sich bringen: "Vielleicht müssten wir dann unsere Erwartungen zurückschrauben und länger für die Umsetzung von Maßnahmen sparen", drückte es Gaß aus.
Aber die finanziellen Anreize des Gemeindeverbunds allein reichen seiner Meinung nach nicht für einen Zusammenschluss aus: "In unserer Großgemeinde fühlt sich keiner wirklich verantwortlich. Es geht ja nicht nur ums Geld." Deshalb gäbe es für ihn und seinen Ortsbeirat keine Alternative zur gewünschten Unabhängigkeit.
In Richtung des Bürgermeisters der Gruppengemeinde, Kurt Baumgarten, führte Gaß nun eine ganze Reihe von konkreten Gründen für das Austrittsgesuch auf: Ob es um anonyme Bestattungen auf dem Beller Friedhof, einem Fuß- und Radweg nach Kastellaun oder den brandweiher als Naherholungsgebiet ging, es folgte ein argumentativer "Schlagabtausch" zwischen den beiden, wie eine Zuhörerin anschließend feststellte und ergänzte: "Ich habe immer noch kein klares Bild von Pro und Contra eines Austritts, entscheiden müssen wir aber auf der Grundlage von Fakten."
Kurt Baumgarten betonte, dass es Usus im Ortsgemeinderat sei, die Meinungen der Ortsbeiräte zu berücksichtigen. Er konnte die Vorwürfe seiner Beller ratskollegen nicht nachvollziehen: "Das sind viele Kleinigkeiten, aber alles keine Gründe für ein Auflösen der Gruppengemeinde. Ich plädiere dafür, einen klaren Beschluss über die Auflösung oder den Fortbestand der Großgemeinde zu fassen. Dabei geht es nicht nur um den Ortsteil Bell, sondern um alle Ortsteile."
Zur Untermauerung ihres Anliegens wollen Dietmar Gaß und sein Ortsbeirat eine Bürgerbefragung in ihrem Ortsteil organisieren. "Wir werden nichts gegen den Willen der Beller entscheide", machte Gaß deutlich. "Wenn wir mindestens 75 Prozent der abgegebenen Stimmen für unseren Antrag bekommen, sehen wir das als eindeutiges Signal." Nachhaltig kritisiert wurden auch die Kommunikations- und Informationsdefizite bei der Arbeit des Gemeinderates. So machte Rosi König den Vorschlag, einen externen Konfliktlöser zu engagieren, um die interne "Sprachlosigkeit" zu überwinden.
Der ehemalige Beller Beigeordnete Gerhard Lorenz mahnte, den "Ernst der Lage zu erkennen." Er ist der einung, dass für Großprojekte wie das Dorfgemeinschaftshaus die Finanzkraft einer Großgemeinde gut sei. Auch der Hundheimer Ortsvorsteher Dieter Ilges befürchtet: "Der Ausstieg wird die Strukturen sehr stark verändern." Er forderte, dass deshalb die Bewohner aller Dörfer der Großgemeinde befragt werden sollten.